Tobias Thiel, Studienleiter für gesellschaftspolitische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie in Wittenberg, setzt sich für Vielfalt in der demokratischen Gesellschaft ein. Foto: Wolfgang Gorsboth

Tobias Thiel, Studienleiter für gesellschaftspolitische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie in Wittenberg, setzt sich für Vielfalt in der demokratischen Gesellschaft ein. Foto: Wolfgang Gorsboth

21.10.2018

Weder rosa noch blau, sondern bunt

Medienkoffer für Geschlechtervielfalt in Kitas und Grundschulen

Wittenberg (wg). „Vielfalt in der Gesellschaft ist normal und wünschenswert, rechten Ideologen ist sie zuwider und Menschen, die sich in einer komplizierter werdenden Gesellschaft nach einfachen Antworten sehnen, fühlen sich durch Vielfalt überfordert“, erklärt Tobias Thiel, Studienleiter an der Evangelischen Akademie, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. „Ethnische und kulturelle Vielfalt wird dabei ebenso abgelehnt wie Aufklärung über familiäre oder geschlechtliche Vielfalt als ‚Genderwahn’ oder ‚indoktinierende Frühsexualisierung’ diffamiert wird.“ 

Seit April 2018 gibt es in Sachsen-Anhalt den Medienkoffer „Geschlechtervielfalt in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung, in Grundschulen und Horten“, von AfD-Vertretern diskreditiert als Projekt gegen den Willen der Mehrheit der Eltern, in dem Kindern Homosexualität aufgezwungen werde. „Hierbei handelt es sich um gezielte Falschinformation“, betont Thiel, „deshalb wollen wir am 1. November in der Akademie zusammen mit Sarah Brune vom Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt (KgKJH) diesen Medienkoffer vorstellen.“ 

Nur da, wo Vielfalt und Toleranz ganz selbstverständlich zu erleben sind, können Ausgrenzung und Vorurteile verhindert werden. „Vielfalt in der demokratischen Gesellschaft ist ein hochaktuelles Thema, nicht nur, weil sie von rechten Akteuren in Frage gestellt wird, sondern auch, weil sie im Alltag der Kinder eine immer wichtigere Rolle einnimmt“, so Thiel. Kinder wachsen in vielfältigsten Familienformen wie klassische Kleinfamilie, Alleinerziehende, Patchwork-, Adoptiv- und Pflegefamilien auf und es gibt immer mehr Regenbogenfamilien, in denen mindestens ein Elternteil sich als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgeschlechtlich versteht. 

Kinder beobachten sehr genau ihr Umfeld, erleben verschiedene Familienmodelle und entwickeln dabei eine ausgeprägte Neugier: „Mädchen und Jungen stellen deshalb Fragen, auf die möglichst undramatisch eingegangen werden sollte, damit keine Ängste und Vorurteile entstehen“, erläutert Thiel. Wertschätzende Bilder über gleichgeschlechtliche Partnerschaften böten ein gutes Fundament für einen diskriminierungsfreien Umgang miteinander.

Einzelne Kinder unterscheiden sich von anderen Mädchen und Jungen, sei es durch ihr Geschlecht, ihr Rollenverhalten, ihre Geschlechtsidentität oder ihre sexuelle Orientierung. Erwachsene neigen aber dazu, Kinder ganz selbstverständlich in Mädchen und Jungen einzusortieren und ihre geschlechtsspezifischen Erwartungen auf sie zu projizieren. „Es gibt Mädchen, die mögen nicht die Farbe Rosa und es gibt Jungen, die wollen nicht mit Autos spielen“, sagt Thiel, „gerade Kinder im Vorschulalter sind inhaltlich sehr offen und möchten erst einmal alles ausprobieren.“ 

Vor allem Kinder, die den Erwartungen und Normen der Erwachsenen überwiegend nicht entsprechen, fühlen sich schnell in einen Rahmen gepresst, der nicht zu ihnen passt. „Ziel einer ‚Pädagogik der Vielfalt’ ist es, Grundlagen zu schaffen, damit Kinder ein positives Selbstkonzept und Selbstvertrauen entwickeln können“, betont Thiel, „so dass sie ihren eigenen Lebensweg unabhängig von Zuschreibungen gehen können.“

Hintergrund

Der Medienkoffer ist Teil des bereits 2015 vom Landtag beschlossenen Aktionsprogramms für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen. Das Programm soll zum Thema geschlechtliche Vielfalt sensibilisieren und gegen Gewalt und Diskriminierung dieser Personengruppen eintreten. Das Land stellt 50.000 Euro für das Projekt bereit. Ein Koffer samt Inhalt kostet rund 500 Euro. Kitas, Grundschulen und Horte können ihn für drei bis vier Wochen beim KgKJH ausleihen. 

In den für Kitas und Grundschulen unterschiedlich bestückten Medienkoffern sind Kinderbücher, Spiele, Filme, Fachbücher und eine Handreichung mit Methodentipps enthalten. Fachkräfte und Eltern können durch diese Materialien Unterstützung finden, um auf kindgerechte Weise dazu beizutragen, dass Kinder ein positives Weltbild fernab von geschlechterstereotypen Zuschreibungen entwickeln. 

Hinweis:

 Die Teilnahme am Workshop am 1. November, 9 bis 12 Uhr, ist kostenfrei, auf Nachfrage wird eine Teilnahmebestätigung ausgestellt. Zielgruppen sind Erzieherinnen, Grundschullehrer, Schulsozialarbeiter, ehrenamtliche Lesepaten und interessierte Eltern. Damit Spiele und Methoden passgenau auf die Teilnehmer abgestimmt werden können, wird um Anmeldung bis zum 25. Oktober gebeten unter www.j-a-w.de/medienkoffer oder , Tel.: 03491/49 88 11.





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