Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Jahrgang 1936, hat zunächst als Arzt und anschließend als Politiker bedeutende Arbeit geleistet. Böhmer wurde in 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 2013 zum Ehrenbürger der Lutherstadt Wittenberg gewählt und erhielt 2015 die höchste staatliche Auszeichnung des Landes Sachsen-Anhalt, den Verdienstorden. Foto: Wolfgang Marchewka

Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Jahrgang 1936, hat zunächst als Arzt und anschließend als Politiker bedeutende Arbeit geleistet. Böhmer wurde in 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 2013 zum Ehrenbürger der Lutherstadt Wittenberg gewählt und erhielt 2015 die höchste staatliche Auszeichnung des Landes Sachsen-Anhalt, den Verdienstorden. Foto: Wolfgang Marchewka

07.10.2018

Prof. Böhmer: „Es fehlt eine Diskussion über das Wesen unserer Demokratie“

Des Ehrenbürgers Sorge: Politisches Klima fast wie in der Weimarer Republik

Wittenberg / Chemnitz / Köthen (wm). Professor Wolfgang Böhmer, Ehrenbürger der Lutherstadt Wittenberg und ehemaliger Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, macht sich auch im Ruhestand Gedanken um Deutschland. Die negative politische Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern schmerzt den sozialpolitisch engagierten Mann besonders: „Angesichts der Ereignisse in Chemnitz und Köthen fällt mir die ‚Rede an die Deutschen’ ein, die der deutsche Dichter Thomas Mann 1930 in Berlin gehalten hat", sagt Böhmer im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag, „vieles aus Manns ‚Appell an die Vernunft’ kommt mir bekannt vor, die Parallelen zwischen den Ereignissen in der Weimarer Republik und den rechtsradikalen Tendenzen heute lassen sich nicht mehr leugnen.“

Böhmer übt Kritik sowohl an der Mentalität als auch Sprache solcher Bürgerinnen und Bürger, die den falschen Führern auf die Straße folgen: „Das ist fast das Gleiche wie damals.“ 

Zurückblickend auf die vergangene Landtagswahl wundert sich Prof. Böhmer darüber, dass mehr als 20 % der Bürgerinnen und Bürger damals die AfD gewählt haben, obwohl diese Partei zum Zeitpunkt der Wahlen kein eigenes Programm hatte: „Wenn jeder fünfte Wähler in Sachsen-Anhalt eine Partei wählt, die selbst noch nicht wusste, was sie wollte, ist das hochgradig bedenklich!“

Den von zahlreichen Menschen besonders in den neuen Bundesländern vorgetragenen Kritikpunkt, es gäbe zu viele Migranten, hält Böhmer nicht für berechtigt: „Tatsache ist, Ostdeutschland hat einen ganz geringen Ausländeranteil. Gemessen daran ist diese Kritik überzogen und die Reaktionen mancher Menschen sogar bedenklich.“ 

Prof. Böhmer gibt zu, für manche dieser offensichtlichen Probleme keine Erklärung zu haben. Vielleicht liege ein Grund in dem Umstand, dass manche der ehemaligen DDR-Bürger „zu leicht verführbar“ seien. Wenn dann zum Beispiel wie in Köthen viele Rechtsradikale von außerhalb anreisen, würden einige Bürgerinnen und Bürger den falschen Leuten glauben. 

„Auch wenn manche Reaktionen unserer Leute menschlich verständlich sind, so ist die vielerorts feststellbare Neiddiskussion nicht berechtigt. Zum Beispiel ist die Angst unbegründet, die Ausländer würden den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Das Gegenteil ist eher richtig: Wir brauchen Fachkräfte aus dem Ausland sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Wirtschaft.“ 

Zur viel geübten Kritik an „Merkels Flüchtlingspolitik“ hat sich Prof. Böhmer ebenfalls seine eigenen Gedanken gemacht: „Die Grenzöffnung im Jahre 2015 war eine Entscheidung aus reiner Barmherzigkeit, das musste Abwehrreaktionen hervorrufen. Allerdings haben einige Merkelkritiker wohl noch nicht bemerkt, dass auch die Bundeskanzlerin seit geraumer Zeit einen restriktiven Kurs verfolgt und mit unseren Nachbarländern über Begrenzungen der Flüchtlingsbewegungen verhandelt.“ 

Eindeutig negativ für die demokratischen Parteien und für das politische Klima sei, dass sich Seehofer „öffentlich mit Merkel gefetzt“ habe. Das sei lediglich „bayerische Wichtigtuerei“ gewesen. Die einzige „Schuld“ der Bundeskanzlerin in diesem Zusammenhang: „Ich habe mich gewundert, dass sie ihn nicht rausgeworfen hat!“ 

Böhmers Rat für ein besseres politisches Klima vor allem im Osten Deutschlands: „Es fehlt eine grundsätzliche Diskussion über das Wesen der Demokratie. Beschimpfungen bis hin zur üblen Hetze sind inakzeptabel, man muss sowohl manchen politischen Akteuren als auch manchen Wutbürgern klarmachen, dass auch die Freiheit Grenzen hat.“

Zur Person Prof. Dr. Wolfgang Böhmer

Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, Jahrgang 1936, hat zunächst als Arzt und anschließend als Politiker bedeutende Arbeit geleistet. Er war bis 1990 als Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe Chefarzt im Wittenberger Paul-Gerhardt-Stift, trat in Wendezeiten in die CDU ein, wurde 1990 Landtagsabgeordneter, war von 1991 bis 1993 Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt, von 1993 bis 1994 Minister für Arbeit und Soziales und von 2002 bis 2011 Ministerpräsident. 

Als Arzt beschäftigte sich Böhmer auch mit der historischen Entwicklung des Gesundheits- und Sozialwesens der Lutherstadt und war Mitautor von vier Bänden der stadtgeschichtlichen Forschungsreihe. 

Darüber hinaus engagierte sich Böhmer in mehreren wichtigen Ehrenämtern auch auf Vorstandsebene und wurde in 2007 für sein bedeutendes Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 2013 zum Ehrenbürger der Lutherstadt Wittenberg gewählt und erhielt 2015 die höchste staatliche Auszeichnung des Landes Sachsen-Anhalt, den Verdienstorden. 

Während seiner aktiven Politikerlaufbahn galt Böhmer als ein Mann, der aus seiner Meinung kein Geheimnis macht. Diese gute Eigenschaft hat er sich auch im Ruhestand bewahrt. 

Zur Person Thomas Mann

Thomas Mann, geboren am 6. Juni 1875 in Lübeck, gestorben am 12. August 1955 in Zürich, war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts. Gleich sein erster Roman „Buddenbrooks“ wurde weltbekannt. Für dieses Werk erhielt Thomas Mann 1929 den Nobelpreis für Literatur. 

Außerdem wurde der Schriftsteller bekannt durch seine deutlichen Stellungnahmen zu politischen Fragen: Mann entwickelte sich zum Verteidiger der Weimarer Republik.  

Sein Engagement war vergebens: Als 1933 die Nazis die Herrschaft übernahmen, emigrierte Thomas Mann in die Schweiz und 1938 in die USA, wo er 1944 Staatsbürger wurde.

Hintergrund

„Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft“ lautet der Titel einer Rede von Thomas Mann, die dieser im Jahre 1930 im Berliner Beethoven-Saal gehalten hat. Der Schriftsteller reagierte damit öffentlich auf die Reichstagswahlen, bei denen die NSDAP ihren Stimmenanteil dramatisch steigern konnte: 18,3 Prozent.

Die Nazis ahnten, dass sich Mann gegen sie engagieren würde und deshalb hatte Joseph Goebbels getarnte SA-Männer in den Saal geschickt, um die Veranstaltung zu stören.

In seiner Rede analysierte Thomas Mann das damalige politische Geschehen, wollte den Bürgerinnen und Bürgern die Ursprünge der nationalsozialistischen Welle erläutern und rief die Menschen dazu auf, sich gegen den Nationalsozialismus zu wenden und die Sozialdemokraten zu unterstützen. 

Nach mehreren Zwischenrufen löste die Polizei noch während der Rede einen Tumult aus und der „Völkische Beobachter“ hatte seine Schlagzeile: Das Blatt der NSDAP bezeichnete Thomas Manns Aussagen als „marxistische Werberede.“




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