02.10.2018

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Tag der deutschen Einheit: Unrundes Jubiläum

Regensburg (ots) - Eine freudetrunkene Gemeinschaft von Tausenden vor dem Reichstag in der Nacht zum 3. Oktober 1990. Wehende Fahnen, Hymne, Feuerwerk. Und Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, der von der glücklichsten Stunde in der deutschen Geschichte sprach. Und er hatte recht. In einer friedlichen Revolution, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, ohne dass ein Schuss fiel, wurde die staatliche Einheit der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder hergestellt.

Erst war die Mauer von Wir-sind-das-Volk-Ostdeutschen zum Einsturz gebracht worden. Ein knappes Jahr später wurde auf der Grundlage des deutsch-deutschen Einigungsvertrages sowie der Zustimmung der einstigen Siegermächte - im Zwei-plus-Viervertrag - die Einheit vollzogen. Fortan konnte zusammen wachsen, was zusammen gehört, wie es Willy Brandt kurz nach dem Mauerfall prophezeit hatte.

Der Aufbau Ost ist seitdem wirklich eine Erfolgsgeschichte. Eine marode Infrastruktur, Autobahnen, Brücken, Telekommunikation, Schienenwege, wurden mit einem Milliardenaufwand modern aufgebaut. In Teilen der "alten" Länder kann man davon nur träumen. In 40 Jahren Staatssozialismus herunter gekommene Städte wie Dresden, Erfurt, Leipzig oder Potsdam erstrahlen in altem, neuem Glanz. 

Blühende Landschaften gibt es im Osten tatsächlich. Das haben die Steuerzahler in West und Ost auch mit dem Solidarzuschlag bezahlt. Eine gewaltige Leistung. Allerdings gehört zur ungeschminkten Bestandsaufnahme des Aufbaus Ost auch, dass nicht alle Blütenträume reiften.

Der 29. Tag der Einheit markiert ein unrundes Jubiläum. Auch die Entwicklung in "Neufünfland" verlief nicht ganz rund. Nicht nur von den harten Fakten her. Das ostdeutsche Durchschnittseinkommen erreicht nicht einmal drei Viertel des westdeutschen Wertes. Die Wirtschaft im Osten ist kleinteiliger, nicht so leistungsstark, exportorientiert und innovativ wie die im Westen. Die Schere zwischen West und Ost ist zuletzt sogar wieder auseinandergegangen. Hinzu kommt, dass die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse, wie es im Politsprech heißt, auch eine kulturelle, eine politische, eine emotionale Seite hat. Und das ist vielleicht sogar die schwierigere.

Ostdeutsche schauen etwas neidisch gen Westen. Und hier werden Ostdeutsche zum Teil immer noch als undankbar, mit der Demokratie unzufrieden und obendrein anfällig für Rechtspopulisten und -Extremisten betrachtet. Pegida und eine große AfD-Anhängerschaft stehen dafür, dass viele - beileibe nicht alle - Ostdeutschen auch 29 Jahre nach der staatlichen Einheit nicht im vereinten Deutschland angekommen sind, sich nicht heimisch fühlen, fremdeln. 

Kritik an der Flüchtlingspolitik der ostdeutschen Kanzlerin wird besonders aggressiv im Osten geübt. Dahinter steckt offenbar auch die Furcht, den mühsam erworbenen Wohlstand nun wieder verlieren zu können. Hinzu mag das Gefühl kommen, immer noch Bürger zweiter Klasse zu sein und "von denen da oben" nicht ernst genommen zu werden. Ein Gefühl, dass sich auch bei vielen Westdeutschen einzustellen scheint. 

Es ist seltsam: Die deutsche Einheit ist, objektiv betrachtet, gewaltig vorangekommen. Doch viele Menschen fühlen sich unwohl, haben wenig Vertrauen in die Politik und den Staat - oder gar keines mehr. Es herrscht eine Art November-Blues, und zwar in Ost und West. Vielleicht hilft die Erinnerung an jene unbändige "Wahnsinns"-Freude, die ganz Deutschland vor drei Jahrzehnten erfasst hatte, um das Feuer, die Leidenschaft, die Emotionen wieder zu entfachen, die nach 29 Jahren Einheit nur noch zu glimmen scheinen. 

Die deutsche Einheit ist im grauen Alltag, in den Mühen der Ebene angekommen, wie Brecht sagen würde. Andere Länder übrigens beneiden die Deutschen um ihre Probleme.




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