Erich Irlstorfer (r.), Sepp Müller und Prof. Klaus Götz (vorn), auf dessen Initiative das Bürgerforum zum Thema Pflege zustande kam, im Neuen Rathaus Foto: Wolfgang Gorsboth

Erich Irlstorfer (r.), Sepp Müller und Prof. Klaus Götz (vorn), auf dessen Initiative das Bürgerforum zum Thema Pflege zustande kam, im Neuen Rathaus Foto: Wolfgang Gorsboth

28.09.2018

Bundestagsabgeordnete Erich Irlstorfer und Sepp Müller zu Gast

Bürgerforum im Rathaus: Die Pflege steckt leider im Notstand

Wittenberg (wg). In der Altenpflege herrscht nicht nur Fachkräftemangel, sondern bereits ein Versorgungsmangel, weil sowohl stationäre Einrichtungen als auch ambulante Pflegedienste Anfragen ablehnen müssen: Es fehlt Personal. „Bei stetig steigenden Fallzahlen wird das bestehende System nicht mehr funktionieren“, sagte Erich Irlstorfer (CDU), Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestages. Der Freisinger folgte einer Einladung von Sepp Müller, Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Wittenberg/Dessau, zu einem öffentlichen Bürgerforum zum Thema „Pflege geht uns alle an“ im Neuen Rathaus.

Korrekturen im System tun not

Dringend notwendige Korrekturen im Pflegesystem, so Irlstorfer, würden weder am Geld noch an fehlender politischer Entscheidungskraft scheitern, das Problem sei, dass man niemanden zwingen könne, einen Pflegeberuf auszuüben. Zwar ist die Zahl der examinierten Altenpfleger von 260.000 in 2013 auf 308.000 in 2017 gestiegen, ebenso die Zahl der Altenpflegerhelfer und es werden auch mehr Menschen in der Altenpflege ausgebildet (2017: 68.000, 2009: 41.500), aber die Schere wird immer größer, weil die Zahl der zu Pflegenden noch schneller wächst. In den Kliniken ist die Situation ähnlich dramatisch. 

Irlstorfer will die Fachkraftquote flexibilisieren: Heute müssen mindestens 50 Prozent der Pflegekräfte in einem Heim eine dreijährige Ausbildung absolviert haben, sonst dürfen sie keine neuen Bewohner mehr aufnehmen. „Ausgebildete Fachkräfte gibt der Arbeitsmarkt nicht mehr her“, bestätigte Johannes Koschig, Pflegedirektor des Diakonissenkrankenhauses Dessau, „wir warnen die Politik seit 2000 vor dieser dramatischen Entwicklung, die lange absehbar war, ohne dass etwas passiert ist, die Pflege hat eben keine Lobby.“ Gleichzeitig habe der Verordnungs- und Überprüfungswahn zugenommen. 

Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz

Eine teilweise Entschärfung des Problems sieht Irlstorfer in ausländischen Fachkräften: „Im Kosovo gibt es 8.000 junge Menschen, die einen Pflegeberuf erlernt haben, arbeitslos sind und in ihrem Land keine Zukunft haben.“ Diese müssten schnellstmöglich nach Deutschland geholt werden, Voraussetzung für die Arbeitsaufnahme seien Deutschkenntnisse auf B 2-Niveau. 

Deshalb bedürfe es eines Einwanderungsgesetzes, mit dem der Zuzug qualifizierter Pflegekräfte strukturiert erfolgen könne, denn derzeit haben alle Bundesländer unterschiedliche Regelungen. Außer mit dem Kosovo stehe man auch mit Taiwan in Kontakt. Entscheidend sei, keine Fachkräfte abzuwerben, die in den Herkunftsländern dringend benötigt würden, sondern ausgebildete, aber arbeitslose junge Menschen, die eine Perspektive suchten. 

Bei den Pflegestärkungsgesetzen I bis III (2015 bis 2017) habe man sich um einen Dreiklang zwischen den zu pflegenden Personen, Angehörigen und Pflegekräften bemüht. Darin enthalten waren Leistungserhöhungen, verbesserte Leistungen für Demenzkranke, die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade sowie neue Begutachtungsverfahren. Vor allem die ambulante Pflege in den eigenen vier Wänden wird durch das Pflegestärkungsgesetz unterstützt: „Zwei Drittel der Menschen werden zu Hause gepflegt, das ist auch ein Beweis dafür, dass die Familie in Deutschland noch funktioniert, auch wenn es die klassische Großfamilie so nicht mehr gibt.“ 

Pflegebedürftigkeit im Wandel

Überdies habe man den Pflegebedürftigkeitsbegriff einem grundlegenden Wandel unterzogen: Standen bislang überwiegend körperliche Gebrechen im Vordergrund, so können jetzt auch Demenzkranke besser einbezogen werden, außerdem wird der Grad der Selbständigkeit im Alltag (wie Mobilität, kognitive Fähigkeiten) bewertet. „Wir fördern so die Eigen- und Selbständigkeit mit Zeit und mit Geld“, so Irlstorfer. Hier befinde man sich noch in der Umsetzungsphase, obwohl man 6,2 Milliarden Euro einsetze, laufe der Anspruch noch nicht rund. Nicht minder wichtig sei der Dreiklang aus Prävention, Reha und Pflege, denn es gehe darum, die Mobilität und Selbständigkeit des älteren Menschen so lange wie möglich zu erhalten. 

Die von der SPD favorisierte Akademisierung der Pflegeberufe hält der Gesundheitsexperte der Union für falsch: „Wo ist der studierfähige Nachwuchs, den es in die Pflege zieht?“ Die fachliche Seite sei das eine, Empathie und Menschlichkeit in den Pflegeberufen mindestens genauso wichtig. Ältere, erfahrene Fachkräfte müssten unbedingt im System gehalten werden, damit sie den Nachwuchs anleiten, bei älteren Arbeitnehmern, die auf Pflege umsteuern, könne aufgrund der Lebenserfahrung die dreijährige Ausbildung reduziert werden. Examinierte Pflegekräfte müssten künftig auch medizinische Tätigkeiten übernehmen, während einfache Tätigkeiten auch anders organisiert werden könnten, wie das Beispiel Holland zeige. 

Die Einführung eines sozialen Pflichtjahres, wie von Antje Bischoff gefordert, bewertet Irlstorfer positiv. Ein solches Pflichtjahr zwischen Schul- und Berufsausbildung bzw. in der Wartezeit auf ein mit Numerus clausus belegtes Studienfach könnte nicht nur der Berufsorientierung dienen, sondern womöglich auch helfen, Fähigkeiten an sich zu entdecken, die in der Schule nicht wertgeschätzt wurden. 

Das Zitat:

„Das war präventives Hosenscheißertum“, so kommentierte Erich Irlstorfer das Verhalten von FDP-Chef Christian Lindner, der das geplante Jamaika-Bündnis platzen ließ. Die Verhandlungen zum Thema Pflege seien positiv verlaufen und man hatte sich bereits auf ein Drei-Milliarden-Euro schweres Sofortprogramm geeinigt.




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