Sie waren beim Stammtisch dabei: Sven Paul, Vorstandsmitglied im SPD-Ortsverein Wittenberg, Kreishandwerksmeister Hendrik Hiller, Roland Schandert, Obermeister der Elektroinnung und Reinhard Rauschning, Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion (v.l.n.r.). Foto: Wolfgang Gorsboth

Sie waren beim Stammtisch dabei: Sven Paul, Vorstandsmitglied im SPD-Ortsverein Wittenberg, Kreishandwerksmeister Hendrik Hiller, Roland Schandert, Obermeister der Elektroinnung und Reinhard Rauschning, Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion (v.l.n.r.). Foto: Wolfgang Gorsboth

28.09.2018

Herausforderungen kommen und gehen - „Goldener Boden" bleibt

Die Ausbildung im Handwerk lohnt sich

Wittenberg (wg). Das Handwerk hat – allen Unkenrufen zum Trotz – immer noch goldenen Boden: Das ist das Ergebnis des Stammtischs des SPD-Ortsvereins Wittenberg in der Alten Bibliothek der Kreishandwerkerschaft im traditionsreichen Haus des Handwerks. Kreishandwerkermeister Hendrik Hiller, Roland Schandert, Obermeister der Elektroinnung und Matthias Pohl, Obermeister der Maler- und Lackierinnung, raten jungen Menschen zu einer Ausbildung im Handwerk. 

„Wir müssen weg vom Meister Eder-Image“, betonte Hiller. Die Berufsbilder seien viel anspruchsvoller geworden: Eine Heizung installieren allein reiche nicht, auch die elektronische Steuerung müsse funktionieren. In Großbäckereien seien handwerkliche Fähigkeiten nicht mehr gefragt, so mancher junge Mensch, der in einer traditionellen Bäckerei gelernt und des Lohnes wegen in die industrielle Lebensmittelproduktion gewechselt habe, sei wieder an seinen ursprünglichen Arbeitsplatz zurückgekehrt. 

Die Digitalisierung (Industrie 4.0) werde zu einem Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie führen, weil Roboter die Tätigkeiten übernehmen, davon könne das Handwerk nur profitieren: Arbeit, die mit der Hand und ohne großartige Unterstützung von Maschinen erledigt wird, Arbeit „unplugged“, werde trotz oder vielleicht sogar wegen des digitalen Zeitalters wieder größere Bedeutung gewinnen, denn Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit seien gefragt.

Die Ehre des Handwerkers

Die anwesenden Meister betonten, das Bekenntnis zur bereits vor Jahrhunderten begründeten Handwerkerehre sei auch heute noch gelebte Realität, werde in der Ausbildung vermittelt und von den Kreishandwerkerschaften sowie den Innungen verteidigt. „Die vor etwa 15 Jahren vollzogene Aufweichung der Handwerksordnung (Meisterpflicht, Eintragung in die Handwerksrolle) insbesondere wegen der Angleichung an EU-Recht wird inzwischen von vielen bereut“, sagte Pohl, „unser System der dualen Ausbildung wird heute europaweit bewundert.“ 

Denn die Ausbildung höre beim Gesellenbrief nicht auf, der Meister-Titel sei für junge Menschen ein erstrebenswertes Ziel und für den Kunden auch ein Qualitätssiegel. Wertschätzung, Wissen und hoher Ausbildungsstandard seien untrennbar mit der Handwerkerehre verbunden und deshalb werde das Handwerk auch in Zukunft goldenen Boden haben.

Azubis müssen stets reisen 

Diese Probleme wurden beim SPD-Stammtisch ebenfalls angesprochen: Erstens das Thema Nachwuchs, angefangen beim Berufsschulzentrum in Wittenberg, wo derzeit nur noch zwei Gewerke von den sieben in Wittenberg vertretenen Innungen unterrichtet werden – Kfz und Metall, letzteres auch nur noch im ersten Lehrjahr, vom zweiten Lehrjahr an müssen die Azubis nach Dessau.

„Für die große Investition, die mit dem Bau des Berufsschulzentrums verbunden war, ist dieses Resultat doch sehr ernüchternd“, kritisierte Hiller. Die Maler fahren nach Köthen, Friseure und Elektro-Gewerke nach Bitterfeld, die Bäcker nach Dessau und die Baugewerke nach Stedten im Mansfelder Land. „Wir hoffen, dass das Land das Azubi-Ticket einführt, denn unsere Lehrlinge müssen sowohl in den Ausbildungsbetrieb als auch in die Berufsschule gelangen können“, so Hiller. 

Die Industrie, die aufgrund der Massenfertigung höhere Löhne zahlen kann, sei für die Handwerksbetriebe eine harte Konkurrenz, „der wir uns stellen müssen“, erklärte Hiller. Gymnasiasten, die das Abitur nicht schaffen und Studienabbrecher werden wegen des Nachwuchsmangels zunehmend für Handwerksbetriebe interessant. „Die Rückkehrermesse, die im Dezember 2017 im Stadthaus stattfand, war eine gute Sache“, bestätigte Schandert, es hätten sich sogar Interessenten gemeldet, die noch in Stuttgart und München arbeiten. „Außerdem brauchen wir ein Einwanderungsgesetz und Sicherheit, wenn wir einen Asylbewerber ausbilden", so Schandert, „denn die Ausbildung kostet uns viel Zeit und Geld, da sollten Menschen, die eine Ausbildung bereits begonnen haben, nicht einfach abgeschoben werden.“

Kritik an der Bürokratie 

Weitere Knackpunkte: Komplizierte Vergabeverfahren und die Auswüchse der Bürokratie. „Wir stellen leider fest, dass sich örtliche Handwerksbetriebe kaum noch an den Ausschreibungen für öffentliche Aufträge beteiligen“, berichtete der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion und Mitglied des kreislichen Bauausschusses, Reinhard Rauschning. Die Vergabeverordnung sei derart überzogen, dass sich der Bürokratismus inzwischen selbst reproduziere.

Auch Roland Schandert kritisierte die Verfahren: „Der Planer hat ein Jahr Zeit, wir Handwerker sollen unsere Angebote aber in 14 Tagen abgeben.“ In Sachsen-Anhalt sei die Vergabeverordnung extrem bürokratisch. Eckhard Naumann, Wittenbergs, langjähriger Oberbürgermeister der den Stammtisch moderierte, plädierte dafür, dass Handwerk und Verwaltungen im Kreis und in den Städten vorhandene Spielräume zum Vorteil aller nutzen sollten. Das Thema müsse auch beim gemeinsamen Runden Tisch des Landrates mit den Bürgermeistern angesprochen werden. 

„Das Handwerk vor Ort steht auch für ein Stück Heimat und Regionalität", resümierte das Vorstandsmitglied des SPD-Ortsvereins, Sven Paul, „und auch für Lebensqualität, die niemand missen will. Auch deshalb hat Handwerk goldenen Boden." 

Hintergrund:

1.850 Handwerksbetriebe gibt es im Landkreis Wittenberg, der damit zu den stärksten im Kammerbezirk Halle gehört. 145 Betriebe sind Mitglied in der Kreishandwerkerschaft, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, fünf neue sind seit Juni dazu gekommen. Mit Kfz, Metall, Elektro, Bau, Friseure, Maler und Bäcker sind sieben Innungen vertreten, die Bäcker- und die Bauinnung haben sich in den vergangenen zwei Jahren neu gegründet.




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