Die Referentinnen und Referenten der von der Bethel-Begegnungsstätte organisierten 12. Wittenberger Gespräche. Foto: Stiftung Bethel

Die Referentinnen und Referenten der von der Bethel-Begegnungsstätte organisierten 12. Wittenberger Gespräche. Foto: Stiftung Bethel

01.09.2018

12. Wittenberger Gespräche zum Thema Hospizarbeit

Dem Sterben ein Zuhause geben

Wittenberg (wg). „Die Menschen, die wir begleiten, öffnen uns die Augen für das Leben“, erklärte Alexandra Hieck vom Hospiz „Am Ostpark“ in Dortmund. Am Beispiel eines sehr bewegenden Interviews mit der 51-jährigen Bettina E., die unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war und inzwischen verstorben ist, machte sie deutlich, wie selbst in der Phase des Sterbens ein Wachsen und Werden möglich ist. Die Atmosphäre im Hospiz sei lebensbejahend, Bettina E. bis zuletzt sehr gefasst und sehr fröhlich gewesen. 

Wenn heute über Hospize und Palliativmedizin, über ein würdiges Sterben und einen ebenso würdigen Tod gesprochen wird, dann ist dies vor allem der britischen Ärztin Cicely Saunders zu verdanken, die 1967 das erste moderne Hospiz in London gründete, das zum Mutterhaus aller modernen Hospize und zur Keimzelle der Hospizbewegung wurde. Ein wichtiger Schritt zur Anerkennung und Institutionalisierung des Hospizgedankens war 1990 die konzeptionelle Beschreibung der „Palliative Care“ („lindernde Pflege“) durch die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Inzwischen gibt es in Deutschland, wie Pfarrer und Pastoralpsychologe André-Sebastian Zank-Wins (Leiter Diakonie-Hospiz Lichtenberg) informierte, 223 stationäre Hospize, 1.165 ambulante Hospizdienste sowie rund 120.000 Ehrenamtliche. Das Saunders-Konzept „Total Pain“ (den Schmerz umfassend wahrnehmen) sei Grundlage der Arbeit in Hospizen weltweit. „95 Prozent der Hospiz-Gäste sind Krebspatienten, die nicht mehr therapiert werden können oder wollen, hier geht es darum, den physischen Schmerz auf ein erträgliches Maß zu lindern“, so Zank-Wins. 

Außer dem körperlichen Schmerz müsse auch der psychische Schmerz (Angst, Wut, Zorn), der soziale Schmerz (Rollenverlust, Herausgerissensein aus gewohnten sozialen Zusammenhängen, Patient wird nur noch über seine Krankheit definiert) und der spiritueller Schmerz (Hadern mit Gott oder dem Schicksal) behandelt werden.

„Das Sterben heute vollzieht sich in einer zunehmend säkularen, pluralistischen und multireligiösen Welt“, erklärte Pfarrer Matthias Albrecht, Hospiz- und Klinikseelsorger am Lazarus-Hospiz in Berlin. „Seelsorge heißt beistehen und nicht Trost spenden.“ Viele seien heute nicht mehr Mitglied einer christlichen Kirche, Spiritualität gehöre aber unabhängig von Religion oder Weltanschauung zum Leben. Albrecht spricht deshalb lieber von „Spiritual Care“ statt „Seelsorge“. Das Angebot ist an keine Bedingung geknüpft und versucht, dem Unfassbaren Raum und Ausdruck zu geben. „Alles Sprechen von Gott ist der Versuch, Unsagbares zu sagen“, bekannte Abrecht, der überdies betonte, sich von aller Dogmatik verabschiedet zu haben. 

Außerdem widmete er sich der Begleitung von Menschen in Zuständen veränderten Bewusstseins wie Koma oder Wachkoma, von denen oft gesagt werde, sie seien nicht mehr ansprechbar oder adäquat: „Sie sind sehr wohl ansprechbar, reagieren aber anders als gewohnt meist mit ganz feinen Signalen.“ Nur weil sie verstummt seien, bedeute dies nicht, dass sie nicht mehr kommunizieren oder dass sie ohne Bewusstsein sind: „Meist durchlaufen sie existentielle Erfahrungen und brauchen dabei Kontakt und Unterstützung.“ 

„Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben, auch dort ist Hospizarbeit möglich, um das Leben bis zuletzt so würdevoll wie möglich zu gestalten“, erläuterte Lydia Röder, Leiterin Ambulanter Lazarus Hospizdienst. 1992 als Förderverein gegründet, kommt dem Verein eine Vorreiterrolle in Berlin zu, was die Lebensbegleitung im Sterben (und nicht Sterbebegleitung!) betrifft. Mit „Am Lebensende fern der Heimat“ begann 2013 ein Projekt zur transkulturellen Sterbebegleitung. Im Berliner Bezirk Mitte, wo fast jeder zweite Mensch einen Migrationshintergrund hat, soll Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen die Angebote des Hospizes zugänglich gemacht werden. Dabei setzt man vor allem auf Ehrenamtliche, die in beiden Kulturen zu Hause sind, als Türöffner. Außerdem informierte Röder über die Kooperation mit dem Denkmal-Hospiz in Auschwitz, das von August Kowalczyk, der selbst im KZ war, gestiftet wurde.

„Mit Hospizen ist das Sterben als Teil des Lebens rehabilitiert worden“, erklärte Pfarrer Werner Weinhold, Leitender Theologe der Paul Gerhardt Diakonie Berlin, der über das Katharina von Bora Hospiz am evangelischen Krankenhaus Paul Gerhardt Stift Wittenberg informierte. Es ist das vierte, das die PG-Diakonie betreibt, drei davon in Berlin. Es bietet im ehemaligen Haus IV zehn Gästen Platz, Raum gibt es auch für Angehörige. 

1,5 Millionen Euro habe man investiert, wobei sich die Wittenberger enorm engagiert hätten, statt der benötigten 250.000 Euro Spenden seien es am Ende 280.000 Euro gewesen. Seit der Eröffnung Ende Mai 2018 habe man 22 Gäste im Alter von 43 bis 101 Jahren beherbergt, 18 seien verstorben. „Hospize leisten keine aktive Sterbehilfe, aber sie unterbrechen auch nicht den Sterbeprozess“, sagte Weinhold. Angesichts der Möglichkeiten der Palliativ-Medizin, Schmerzen erträglich zu gestalten, entschieden sich immer mehr Menschen zu einem Therapieverzicht. Medizinisch betreut werden die Gäste in der Regel von ihren Hausärzten, die psychosoziale Begleitung übernehmen Ehrenamtliche. 

Über 25 Jahre Hospizarbeit in Leipzig berichtete Beatrix Lewe, Leiterin der Hospiz Villa Augste gGmbH Leipzig. 1993 habe sich eine kleine Gruppe von Initiatoren zusammengefunden und Pionierarbeit geleistet. Inzwischen verfüge der Verein über eine Vielzahl von engagierten Mitgliedern. 1998 haben acht Gesellschafter die gemeinnützige GmbH gegründet und bereits 2002 konnte mit Eröffnung des Stationären Hospizes „Villa Auguste“ das Gründungsziel erreicht werden. Seit 2009 ist die Spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) ein weiteres Standbein der Arbeit. „Es ist das Leben, das die Konzepte schreibt“, betonte Lese. 

Über Hospizarbeit im ländlichen Raum informierte Peter Ehrlich, Leiter der Seniorenwohnanlage in Bad Kösen, wo demnächst ein stationäres Hospiz eröffnet wird. Dazu wurde zwischen dem Hospizverein Burgenlandkreis und der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal ein Kooperationsvertrag unterzeichnet. Die Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum hat auch einen konkreten finanziellen Aspekt: Anders als Patienten in Hospizen müssen in Altersheimen betreute Palliativpatienten die Kosten anteilig selbst tragen.

Viele Gäste waren der Einladung zu den von der Bethel-Begegnungsstätte initiierten 12. Wittenberger Gesprächen zum Thema „Leben im Sterben ermöglichen, Hospizarbeit: Gestern-Heute-Morgen“ in den Malsaal der Cranach-Stiftung gefolgt, auch ein Beleg für die Aktualität und Relevanz des Themas. „Die Wittenberger Gespräche haben sich zu einer Erfolgsnummer entwickelt“, resümierte denn auch Pastorin Friederike Winter, Geschäftsführung Hoffnungstaler Stiftung Lobetal.





Videos Stimmen aus der Region

Oberbürgermeister Zugehör
Keine Angst – uns geht es gut
Kommunaler Bildungsbericht im Kreistag vorgestellt
Kreistag beschließt mehr Geld für die Sporthalle im Volkspark

Videos Politik

Bürgerforum Coswig
Sepp Müller stellt sich! GroKo und was nun? Teil 1
Sepp Müller stellt sich! GroKo und was nun? Teil 2

Videos Kultur

Neue Liedertour mit Karl Neukauf
75 Jahre Saxophone Joe
Alaris Schmetterlingspark.m4v
Dicke Luft und kein Verkehr - Der Zoff geht weiter
Jukebox im Clack Theater Wittenberg

Videos Auto

Volvo XC40 Winter-Testfahrten


Wittenberger Sonntag Verlags GmbH, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Coswiger Straße 30 A, E-Mail: