Die von einigen Bürgern als „Schrott“ bezeichnete Skulptur „Würfelwurf“ an seinem ursprünglichen, vom Schweizer Künstler Professor Urs Jaeggi so geplanten Standort auf der Wiese an der Andreasbreite. Der interessierte Betrachter hatte mit Blick auf die Würfel zugleich Sicht auf die Schlosskirche und konnte sich über den ideellen Zusammenhang von Skulptur und Kirche seine eigenen Gedanken machen. Historisches Foto: Studio Kirsch

Die von einigen Bürgern als „Schrott“ bezeichnete Skulptur „Würfelwurf“ an seinem ursprünglichen, vom Schweizer Künstler Professor Urs Jaeggi so geplanten Standort auf der Wiese an der Andreasbreite. Der interessierte Betrachter hatte mit Blick auf die Würfel zugleich Sicht auf die Schlosskirche und konnte sich über den ideellen Zusammenhang von Skulptur und Kirche seine eigenen Gedanken machen. Historisches Foto: Studio Kirsch�

18.07.2018

Ein bitteres Lehrstück über den Umgang mit einem interessanten Kunstwerk

Jubiläum einer weltoffenen Stadt: 25 Jahre „Schrott“ in Wittenberg

- Ein Leitartikel von Wolfgang Marchewka - 

In diesen Tagen hat es in der Lutherstadt ein stilles Jubiläum gegeben – so still, dass es niemandem aufgefallen ist: Die Forderung, „der Schrott muss weg“, konnte ihr 25jähriges Bestehen feiern. Herzlichen Glückwunsch dazu – oder sollten wir besser schreiben: herzliches Beileid? 

Interessierte Leserinnen und Leser erinnern sich, dass vor kurzer Zeit einer der politisch und menschlich weniger Begabten im Wittenberger Stadtrat mit Hinweis auf das am Schwanenteich installierte Flüchtlingsboot die Forderung aufstellte, der „Schrott“ müsse weg. Ob er damit nur das Boot oder auch die mit diesem Symbol in Verbindung hängenden Menschen gemeint hatte, wurde vom Protokoll so genau nicht überliefert.

Es ist in diesem Juli genau 25 Jahre her und die schon damals etwas fortschrittlicher gestimmten Menschen waren noch dabei, die materiellen wie geistigen Hinterlassenschaften der DDR-Vergangenheit aufzuräumen, da tauchte erstmals nach der sogenannten Wende besagte Forderung auf: „Der Schrott muss weg.“ Gemeint waren die Metall-Skulpturen, die der Stadt Wittenberg zur 700-Jahr-Feier von einer internationalen Künstlergruppe beschert worden waren. 

Bei diesem ersten Bildhauersymposium auf befreitem Wittenberger Boden wurden moderne Skulpturen aus Stahl erzeugt – inklusive der mit den körperlich vorhandenen Objekten verbundenen geistigen Leistungen jener Künstler, die diese Objekte geschaffen hatten. Doch statt sich über den Zuwachs an moderner Kunst im öffentlichen Raum zu freuen, hatten einige Bürgerinnen und Bürger schon damals Probleme mit dem Denken, und daher ist der Juli des Jahres 1993 der Geburtsmonat der Aussage, „der Schrott muss weg.“ 

Diese Forderung bezog sich besonders auf die vom renommierten Schweizer Künstler Urs Jaeggi geschaffene Metallskulptur „Würfelwurf“, bestehend aus drei verschiedenen Würfeln, die bewusst in geistig-inhaltlicher Verbindung mit der Wittenberger Schlosskirche geschaffen und in Sichtachse so auf dem grünen Rasen platziert worden waren, als hätte sie die Faust eines Gottes dorthin geschmettert. Genau 25 Jahre ist das Ereignis her, und wie die aktuelle Debatte um den „Flüchtlingsschrott“ zeigt, haben einige der Ortsansässigen in diesen langen Jahren nichts dazugelernt – darunter leider auch solche, die vor 25 Jahren noch nicht einmal geboren waren. 

Peinlich dabei: Die Wittenberger Stadtverwaltung ließ die drei Würfel tatsächlich entfernen, als willkommenes Alibi diente die geplante Anlage des Luthergartens an der Andreasbreite. Und so gammelt das ob seines geistigen Zusammenhangs mit der Schlosskirche beraubte Werk auf einer Brachfläche an der B2 dahin, sehr zur Freude solcher Kinder und Jugendlicher, denen der Respekt vor dem Schaffen anderer längst abhanden gekommen oder auch nie vermittelt worden ist - und sehr zur Schande der Stadtverwaltung Wittenberg ob ihres Umgangs mit einem Werk der bildenden Kunst. 

Vielleicht stimmt es ja wirklich, dass sich Geschichte wiederholt, denn man könnte auf die Idee kommen, dass sich von der „entarteten Kunst“ und den Bücherverbrennungen in Nazideutschland über die als „Schrott“ bezeichneten modernen Skulpturen der Nachwendezeit bis hin zum „schrottigen“ Flüchtlingsboot am Schwanenteich eine gerade Linie nicht nur der Denkfaulheit, sondern auch der Intoleranz und Menschenfeindlichkeit ziehen lässt – jedenfalls dann, wenn die von Intoleranz, Ablehnung und sogar Hass betroffenen Menschen der falschen Rasse angehören, in den falschen Glauben hineingeboren wurden oder zu solchen Ausländern gehören, von deren Leistungsvermögen ausgeprägte Egoisten meinen, nicht sofort profitieren zu können, weil die Flüchtlinge zunächst einmal Schutz und Zuwendung benötigen, ehe sie in der Lage sein könnten, wie die „guten Ausländer“ produktiv am Bau des deutschen Sozialprodukts mitzuwirken.

So ein Zufall: Der „Schrott“, der schon vor 25 Jahren weg sollte, war zum Stadtjubiläum 700 Jahre Wittenberg bestellt worden. Das als „Schrott“ verunglimpfte Flüchtlingsboot war Teil eines Torraums, der zum 500. Reformationsjubiläum ebenfalls als Ergebnis eines internationalen Ideenwettbewerbs angelegt war. Und die im Stadtrat erhobene Forderung, der „Schrott“ muss weg, fiel in das Jubiläumsjahr 725 Jahre Stadtrecht Wittenberg. Für das Zusammentreffen derartiger und ähnlich absurder Ereignisse hat Dietmar Wischmeyer in der ZDF Heute-Show das „Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten“ angelegt. Ein Eintrag der Stadt Wittenberg könnte von den Machern der Satire-Sendung inzwischen als überfällig angesehen werden. 

Zurück zu den drei Würfeln: Das Konzept für das Bildhauersymposium hatte der Berliner Kunsthistoriker Hans Lehmann entwickelt, der sich schon in 1993 sehr betroffen zeigte über die teils heftig-negativen Reaktionen aus der Bürgerschaft. Damals gab es noch eine Parallele zu heute – die Chance zur Information nutzte von den Meckerern niemand: „Die schimpfenden Bürger haben die Möglichkeit nicht genutzt, denn die Künstler waren sieben Wochen in der Stadt, jeder hätte während der Entstehung der Skulpturen mit den Künstlern sprechen und sich über deren Gedanken kundig machen können.“

Zurück zur Arbeit des Schweizer Bildhauers Professor Urs Jaeggi, einem international renommierten und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Manne. Lehmann bezeichnete seine kubische Skulptur aus drei Würfeln als ausgesprochen gut gelungene Arbeit. Etwas besseres hätte der Stadt Wittenberg nicht passieren können. Denn es sei reizvoll, sich mit dem geistigen Hintergrund der Arbeit des Schweizer Künstlers zu beschäftigen: Urs Jaeggi wählte den Würfel als eine magische Figur, die es bereits in vorchristlichen Zeiten gab, wählte die Zahl drei als eine christliche Symbolzahl und stellte die drei Kuben wie zufällig wirkend auf die grüne Wiese mit der Schlosskriche als Hintergrund. 

Die Würfel sind natürlich nicht zufällig so gefallen, nur einer ist fast völlig zu sehen, zwei scheinen in die Erde einzusinken. Ein Symbol der Vergänglichkeit – oder das genaue Gegenteil? Wachsen die Würfel vielleicht wie im Akt der Wiederauferstehung aus der Erde heraus? Allein die Möglichkeit, verschiedene Interpretationsformen zu finden, machen die geistige Leistung deutlich. Hinzu kommt die Wahl des Materials: Stahl, der Edelrost ansetzen soll, womit deutlich wird, dass die Skulptur nicht fertig ist, sondern in ihrer Umgebung weiter wachsen kann - zumindest könnten die Gedanken des Betrachters weiter wachsen und reifen. Chance vertan. 

Es sei denn, in der sich „weltoffen“ gebenden Stadtverwaltung käme jemand auf die Idee, der „Würfelwurf“ würde den nun vorhandenen Luthergarten gar nicht stören, sondern vielleicht sogar geistig-ideell aufwerten: Der Würfelwurf aus der Hand Gottes hinein in ein Stück Garten Eden.





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