Amtsarzt Dr. Michael Hable sieht in den zu niedrigen Alkoholpreisen ein politisches Problem. Foto: Archiv / Wolfgang Gorsboth

Amtsarzt Dr. Michael Hable sieht in den zu niedrigen Alkoholpreisen ein politisches Problem. Foto: Archiv / Wolfgang Gorsboth

10.07.2018

Dr. Michael Hable: Für Suchtberatung fehlt das Geld

Amtsarzt kritisiert: Alkohol ist in Deutschland viel zu billig

Wittenberg (wg). „Die viel zu niedrigen Alkoholpreise sind ein Politikproblem, an das sich keiner rantraut, obwohl der volkswirtschaftliche Schaden der Alkoholsucht immens ist und für die Suchtprävention das Geld fehlt“, kritisiert Dr. Michael Hable, Leiter des Fachdienstes Gesundheit beim Landkreis. Dass es auch anders geht, beweise Schottland: Dort hat sich die Regierungschefin Nicola Sturgeon gegen die Whisky-Lobby durchgesetzt und als erstes Land der Welt einen gesetzlichen Mindestpreis für alkoholische Getränke eingeführt mit dem Ziel, die Zahl der Alkoholtoten zu senken. 

Eine Flasche Markenbier für unter 50 Cent, die Flache Doppelkorn unter fünf Euro, die Flasche Weinbrand unter vier Euro: Beim Alkohol ist Deutschland ein „Sozialstaat“, auch – oder gerade – die Armen können sich besaufen. „Wer den Alkoholkonsum reduzieren will, muss zuerst dafür sorgen, dass die im internationalen Vergleich in Deutschland viel zu niedrigen Preise für alkoholische Getränke angehoben werden“, erklärt der Amtsarzt. Die „geradezu taschengeldkompatiblen Preise“ animierten insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene zum Alkoholkonsum, wenngleich Billigalkoholika zum Schleuderpreis nichts mehr mit Genuss zu tun hätten. 

Beim Tabak habe die EU aufgrund von Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) politische Maßnahmen beschlossen, die – auch von Deutschland – in Landesrecht umgesetzt werden mussten mit der Folge, dass die Preise erheblich gestiegen sind und sich auf jeder Schachtel Zigarette eine Warnung befindet, dass Rauchen tödlich ist in Kombination mit einem sogenannten Schockfoto. In Gaststätten, Kneipen und im öffentlichen Raum wurde das Rauchen stark eingeschränkt. Allerdings ist Deutschland immer noch das einzige Land in der EU, das Tabakwerbung erlaubt. 

Auch beim Alkohol gibt es Empfehlungen der WHO, doch wurden diese bislang weder auf EU-Ebene noch in Deutschland berücksichtigt, obwohl die Situation gerade in der Bundesrepublik bedenklich ist: Mit einem Konsum von 11,7 Litern (entspricht einem vollen Putzeimer) reinem Alkohol pro Kopf und Jahr ist Deutschland ein Hochkonsumland, der globale Durchschnitt liegt bei 6,2 Litern. Von den 34 OECD-Staaten belegt Deutschland beim Alkoholkonsum Platz 5, bei der Suchtprävention Platz 33. 

„In Deutschland wird nur wenig Tabak angebaut, aber es gibt viele Brauereien und Weinberge“, vermutet Hable, dass vor allem Lobbyisten der Alkoholindustrie massiv für ihre Interessen streiten. Bleibt Deutschland deshalb ein Paradies für Trinker, trotz der fatalen Folgen für Gesundheit und Volkswirtschaft? Mehr als 20.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an den direkten Folgen ihres Alkoholkonsums, circa 1,8 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Rund 200 Krankheiten werden durch Alkoholkonsum mitverursacht wie das Risiko von Krebs und Herzkreislauferkrankungen. 

Die Folgekosten der Trinkerei liegen bei jährlich circa 27 Milliarden Euro, dem stehen nur 3,3 Milliarden Euro Alkoholsteuer-Einnahmen gegenüber. „Höhere Alkoholsteuern und mithin höhere Endpreise für den Verbraucher sind ein wirksames Präventions-Instrument“, betont der Amtsarzt, „ergänzend muss es Begrenzungen beim Alkoholverkauf und der Werbung geben.“ Die vor 14 Jahren eingeführte Steuer auf sogenannte Alkopops habe schließlich auch gezeigt, „wie wirksam man über gezielte Besteuerung eine positive Lebensstiländerung auf breiter Front einleiten kann.“ 

Für die Suchtberatung hat der Landkreis seine Mittel aufgestockt, so dass nicht nur in Wittenberg, sondern einmal pro Woche auch in Außenstellen in Jessen und Gräfenhainichen beraten werden kann, das Angebot, so Halbe, werde sehr gut angenommen. 289.000 Euro lässt sich das der Kreis kosten, vom Land gibt es einen Zuschuss von nur 72.000 Euro. 

Hinweis:

Derzeit definiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als gesundheitlich unbedenkliche Obergrenze eine Höchstmenge von 140 Gramm Alkohol pro Woche für Männer und 70 Gramm für Frauen. Die Studie eines internationalen Forscherteams kam kürzlich zu dem Schluss, dass bereits beim regelmäßigen Konsum von wöchentlich mehr als 100 Gramm reinem Alkohol die Gesamtsterblichkeit deutlich steigt. Wer dauerhaft mehr als zwei Liter Bier oder eine Flasche Wein pro Woche konsumiert, riskiert demnach mehr Schlaganfälle, tödliche Aneurysmen und Herzversagen.




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