Siegfried Nocke (r.), Vorsitzender der Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt) e.V. und der Cohen-Forscher Dr. Hartwig Wiedebach vor der enthüllten Cohen-Gedenktafel im Coswiger Rathaus. Foto: Wolfgang Gorsboth

Siegfried Nocke (r.), Vorsitzender der Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt) e.V. und der Cohen-Forscher Dr. Hartwig Wiedebach vor der enthüllten Cohen-Gedenktafel im Coswiger Rathaus. Foto: Wolfgang Gorsboth

07.07.2018

Gedenktafel im Coswiger Rathaus enthüllt

Hermann Cohen ist raus aus dem Museum

Coswig (wg). Zu seinem 176. Geburtstag ist die Gedenktafel für Hermann Cohen (1842-1918) an ihrem ursprünglichen Platz im Rathaus angebracht worden, davor hatte sie ein eher unbeachtetes Schattendasein im Museum gefristet. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als der Stadtrat unserem Anliegen einstimmig zustimmte“, bekannte Siegfried Nocke, Vorsitzender der Cohen-Gesellschaft, die das Erbe des bedeutendsten Sohnes der Stadt pflegt. 

Die Gedenktafel war bereits 1929 im Coswiger Rathaus angebracht, allerdings 1932 wieder entfernt worden, dann verschwand sie spurlos. „Cohen war in Nazi-Deutschland geächtet, seine Frau Martha starb 1942 im KZ Theresienstadt“, erklärte Nocke. Das Geburtshaus wurde 1986 wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen: „Auch in der DDR fand Cohen keine Beachtung“, so Nocke. Nunmehr erfahre er endlich die Ehre, die ihm gebühre. „Wir zeigen damit auch, dass Coswig eine weltoffene Stadt ist und Antisemitismus hier keinen Platz hat“, spielte Nocke auf Schmierereien auf dem jüdischen Friedhof an.

„Cohen war ein herausragender Sohn dieser Stadt und ein hochgebildeter Gelehrter“, sagte Bürgermeister Axel Clauß (parteilos). Es habe im Vorfeld unterschiedliche Meinungen gegeben, auch jene, dass eine Gedenktafel im Museum am besten aufgehoben sei. Mit dem eindeutigen Votum des Stadtrates sei die Verlegung der Marmortafel ins Rathaus politisch legitimiert.

„Cohen aus dem Museum zu holen, ist auch eine Aufgabe, der sich die Wissenschaft stellen muss, galt doch der bedeutendste jüdische Religionsphilosoph des 20. Jahrhunderts lange Zeit als ein veralteter Denker“, erklärte Dr. Hartwig Wiedebach. Der renommierte Kenner betonte, dass Cohen ein fundamental denkender Mensch, aber kein Fundamentalist gewesen sei, der die menschliche Vernunft in den Naturwissenschaften, in der Religionsphilosophie und in der (Sozial-)Politik in den Mittelpunkt gestellt habe. In diesem Sinne sei sein Werk keineswegs veraltet und strahle immer noch eine enorme geistige Weite und humanistische Kraft aus. 

Cohen sei auch ein exzellenter Kenner der Mathematik, Physik, Chemie und Biologie gewesen, ihm sei es aber nicht darum gegangen, den Naturwissenschaften nachzulaufen, sondern sie zu begreifen. Weil der Mensch bedeutender sei als die Wissenschaften, müsse die Philosophie die ethischen Regeln festlegen. Cohen habe keine billige Toleranz gepredigt, vielmehr an religiösen Wahrheiten festgehalten, ohne diese anderen vorschreiben zu wollen. Zur zentralen Dimension des Cohenschen Werkes gehöre sein religiöser, ethisch begründeter Sozialismus. Sozialpolitik sei für ihn kein Dogma, vielmehr eine menschliche Geste im Sinne der Humanität gewesen. 

Professor für Philosophie

Hermann Cohen, einziges Kind des Coswiger jüdischen Kantors und Lehrers Gerson Cohen und seiner Ehefrau Friederike, war als erster Jude im Wilhelminischen Kaiserreich Professor für Philosophie. Er begründete die Marburger Schule des Neukantianismus, eine der produktivsten philosophischen Arbeitsgemeinschaften der jüngeren Geschichte. Zugleich war er einer der prägenden Denker des deutschen Judentums jener Epoche. Neben Moses Mendelssohn gehört Cohen zu den herausragenden jüdischen Denkern aus Anhalt, geprägt nicht nur von seiner kleinen Vaterstadt Coswig, sondern auch durch die Schulzeit in Dessau, damals ein Zentrum der liberalen jüdischen Reformbewegung.





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