Christel Panzig mit der Publikation über Wittenberg im Ersten Weltkrieg. Foto: Wolfgang Gorsboth

Christel Panzig mit der Publikation über Wittenberg im Ersten Weltkrieg. Foto: Wolfgang Gorsboth

03.07.2018

Das Haus der Geschichte plant für November eine Ausstellung

Neues Buch: Erster Weltkrieg an der Front und in der Heimat

Wittenberg (wg). Zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren haben Dr. Christel Panzig vom Haus der Geschichte Wittenberg und Joachim Heise vom Berliner Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung ein Buch zur Geschichte Wittenbergs in den vier Kriegsjahren herausgebracht. Titel: „Wenn es doch erst vorbei wäre! - Wittenberg im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918“. 

„Es gibt zu diesem Thema kaum regionalbezogene Veröffentlichungen“, erklärt Panzig im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Wie in nur wenigen anderen Städten vergleichbarer Größe waren die Vorbereitungen des Krieges und die Kriegsjahre selbst eng verknüpft mit der Entwicklung der Stadt: Wittenberg war preußische Garnisonsstadt und Standort der Rüstungsindustrie. „Ohne den Ersten Weltkrieg wäre Wittenbergs industrielle Entwicklung wohl kaum so rasant verlaufen“, berichtet Panzig. Die Autoren wollen zeigen, wie der Krieg in den Alltag der Menschen eingriff und ihr Leben gravierend veränderte. 

Deshalb stehen Erinnerungen von Zeitzeugen, Berichte der Wittenberger Presse sowie zeitgenössische Nachkriegs-Publikationen im Mittelpunkt. Eine Fülle von Fotos und eine Vielzahl von Auszügen aus Feldpostbriefen macht die damalige Zeit für den Leser wieder lebendig. Die Autoren beschreiben kurz Wittenberg vor dem Krieg, um im Hauptteil den Kriegsalltag zu beleuchten, das Infanterie-Regiment Graf Tauentzien (Die „20er“) und seine Rolle im Krieg darzustellen, die Rüstungsindustrie in Reinsdorf (WASAG) und in Piesteritz (Stickstoffwerke) zu untersuchen, den Werkssiedlungsbau sowie das Kriegsgefangenenlager in Kleinwittenberg in Erinnerung zu rufen. 

Beispielloses Massensterben

Der Erste Weltkrieg steht für ein beispielloses Massensterben, das der damaligen Propaganda vom „Heldentod“ hohnlacht. Mehr als zehn Millionen Soldaten fanden einen grausamen Tod, mehr als 20 Millionen wurden verwundet und blieben fürs Leben an Körper und Seele gezeichnet. „Die Feldpostbriefe zeigen die Brutalität des Krieges, aber auch den miserablen, von Hunger und desolater Hygiene geprägten Alltag in den Schützengräben“, sagt Panzig. Der Grabenkrieg habe bei vielen Soldaten zu Verstümmlungen, zu einer unmenschlichen Verrohung und lebenslangen Traumata geführt. 

Im Buch wird auch nachgezeichnet, wie die nationale Euphorie zu Beginn des Krieges schnell abgelöst wird durch eine realistische Sicht. Dafür maßgebend waren die sich verschlechternden Lebensbedingungen, vor allem die Hungersnot im „Kohlrübenwinter 1916/17. Die Frauen mussten an die „Arbeitsfront“, die geprägt war von katastrophalen Bedingungen, ihre Kinder waren sich selbst überlassen.

Auch die Kriegsgefangenenlager und die Lazarette rückten den Krieg in das Bewusstsein der Wittenberger Bürger wie die sich mehrenden Verlustlisten von gefallenen Soldaten in den Zeitungen. Das Kriegsgefangenenlager in Kleinwittenberg war wohl das bekannteste deutsche Lager im englischen Sprachraum. Es wurde in hunderten Artikeln in englischen, kanadischen, australischen und amerikanischen Tageszeitungen als Exempel für die Grausamkeit der Deutschen im Umgang mit ihren Gefangenen dargestellt und es war ein zentrales Thema jener, die für einen Kriegseintritt der USA plädierten. 

Die Gefangenen sich selbst überlassen

Dass die Insassen dieses Lagers eine derart breite öffentliche Aufmerksamkeit erfuhren und die hier Verstorbenen den Rang von Märtyrern erlangten, hat auch mit dem Buch und gleichnamigen Film „My four Years in Germany“ zu tun: Geschrieben von James W. Gerard, der von 1913 bis 1917 als amerikanischer Botschafter in Deutschland amtierte. 1915 hat er das Lager in Wittenberg besucht, als eine extreme Typhus-Epidemie im Lager wütete: Die deutschen Wachen hatten ihre Posten im Lager geräumt und die Gefangenen sich selbst überlassen.

Auch das 400. Reformationsjubiläum 1917, als der Krieg für Deutschland bereits verloren war und dennoch fortgesetzt wurde, nimmt einen gebührenden Raum ein. „Den Wittenbergern stand damals nicht der Sinn nach großen Aufzügen und Märschen“, berichtet Panzig, „auch den Verantwortlichen in der Stadt und in den Kirchen war klar, dass es nicht die Zeit für prachtvolle Feste war.“ Siegeszuversicht und Durchhaltewillen wurden gleichwohl beschworen. 

Das Schlusskapitel „Wittenberg am Kriegsende“ endet Silvester 1918/1919. Dort heißt es: „Die Wittenberger schwankten zwischen Bangen und Hoffen, als das neue Jahr begann. Alles war zu Ende und alles fing wieder an. Wittenberg hatte aufgehört eine Garnisonstadt, Stadt der Lazarette und der Kriegsgefangenen zu sein. Wittenberg blieb dennoch die kleine Stadt an der Elbe mit einer längst vergangenen, ungewöhnlich großen Geschichte.“ Im November wird unter dem Titel des Buches „Wenn es doch erst vorbei wäre!“ im Haus der Geschichte eine Ausstellung über Wittenberg im Ersten Weltkrieg gezeigt, sie basiert auf der Exposition von 2014, wird allerdings stark überarbeitet und um das Kriegsgefangenenlager in Kleinwittenberg ergänzt. 

Hinweis

Die Publikation kostet 29,90 Euro und ist im Haus der Geschichte Wittenberg, Schlossstraße 6, erhältlich. Nach den Sommerferien sind Lesungen aus diesem Buch geplant.




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