Das Parkhaus am Wittenberger Arsenal-Kaufhaus ist nicht ausgelastet, und auch bei den innenstadtnahen Parkplätzen sind häufig Stellplätze frei - wie hier an der Wallstraße, wo selbst ein großes Gespann aus SUV und Pferdeanhänger sowie das für eine Kutschfahrt vorzubereitende Pferd bequem Platz findet. Foto: Wolfgang Marchewka

Das Parkhaus am Wittenberger Arsenal-Kaufhaus ist nicht ausgelastet, und auch bei den innenstadtnahen Parkplätzen sind häufig Stellplätze frei - wie hier an der Wallstraße, wo selbst ein großes Gespann aus SUV und Pferdeanhänger sowie das für eine Kutschfahrt vorzubereitende Pferd bequem Platz findet.
Foto: Wolfgang Marchewka

01.07.2018

Fragwürdige Medienkampagne der SKW Piesteritz

2. Parkhaus: Der Geist aus dem vorigen Jahrhundert

Ein Leitartikel von Wolfgang Marchewka – Es ist ein Mittwoch. Die Frau hat in der Wittenberger Altstadt zu tun und fährt mit ihrem Pkw in Richtung Parkhaus am Arsenal. Erfreut sieht sie an der elektronischen Anzeige: 244 freie Parkplätze. 

Es ist ein Samstag. Zwei große Gespanne, jeweils ein SUV mit Pferdeanhänger, fahren Richtung Wittenberger Innenstadt. Auf dem öffentlichen Parkplatz an der Wallstraße finden beide Gespanne bequem Platz, und es ist auch noch ein weiterer Parkplatz frei, damit die Pferdefreundin ihren jungen Vierbeiner aufschirren und für eine Fahrt mit der Kutsche vorbereiten kann. 

Es ist Montag. Der Mann hat einen Gesprächstermin mit einem Gast des Lutherhotels. Die unter dem Hotel vorhandene Tiefgarage muss er nicht nutzen, am gegenüberliegenden öffentlichen Parkplatz sind Plätze frei.

Es ist Frühsommer. SKW Piesteritz hat eine bisher beispiellose Kampagne mit der Forderung nach einem zweiten Parkhaus gestartet: In mehreren Artikeln der Mitteldeutschen Zeitung (mz) sowie in einer ganzseitigen Anzeige im konzernabhängigen Wochenblatt wurde die Behauptung veröffentlicht, es gäbe zu wenige Parkplätze, und dazu die sinngemäße Aussage: Wenn der Tourist keinen Parkplatz findet, kommt er nicht mehr. 

Geschäftsführerin Elke Witt: Immer freie Stellplätze im Arsenal

Tourist? Zum Thema Tourismus in Wittenberg und der Region gibt es eine Fachfrau: Elke Witt, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes WelterbeRegion Anhalt-Dessau-Wittenberg e.V. Ihre Aussage: „In all den Jahren hat mich noch nie ein Tourist auf einen angeblichen Mangel an Parkplätzen angesprochen, auch nicht auf Messen und ähnlichen Veranstaltungen."

Der Verband hat seine Geschäftsstelle in der Neustraße, also in der Altstadt. Wo parkt die Geschäftsführerin, die ja auch in der gesamten Tourismusregion unterwegs sein muss, ihr Fahrzeug? Antwort: „Seit Bestehen des Parkhauses am Arsenal parke ich dort arbeitstäglich und finde immer einen freien Parkplatz – bis auf zwei Ausnahmen in vier Jahren.“ Die Behauptung, ein zweites Parkhaus sei notwendig, kann sie nicht nachvollziehen. 

Bürgermeister Jochen Kirchner: Parkkonzeption wird überprüft

Für Bauangelegenheiten in Wittenberg ist Bürgermeister Jochen Kirchner (parteilos) zuständig. Im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag erweist er sich als ein Meister der Diplomatie, indem er die Kampagne der SKW als „interessant“ bezeichnet. Das muss er wohl auch, denn der Chemiegigant hat schon oft genug mit Geldscheinen gewedelt. In der Sache weist Kirchner darauf hin, dass die vom Wittenberger Stadtrat beschlossene Parkkonzeption ohnehin überprüft und bei Bedarf aktualisiert werde. Spätestens im Herbst sei die Verwaltung damit fertig. 

Allerdings sieht Kirchner eine Behauptung in der SKW-Kampagne mit gemischten Gefühlen: Die Aussage, es gebe genug geeignete Bauplätze für ein zweites Parkhaus. Wörtlich in der mz vom 27. Juni: „So gut geeignete, dass sie nicht nur die Parkplatzfrage lösen würden, sondern auch hässliche Lücken im Stadtbild schließen könnten.“ Dazu Kirchner: „Die angesprochenen Flächen sind in Privatbesitz, bis auf zwei Ausnahmen als Treuhandbesitz der Stadt.“ Ergänzend dazu Stadtsprecherin Karina Austermann: „Diese beiden Grundstücke sind viel zu klein für ein Parkhaus und außerdem verkehrstechnisch ungeeignet.“

Landrat Jürgen Dannenberg: Die Forderung ist unbegründet

Bei der Forderung nach einem zweiten Parkhaus wird auch Landrat Jürgen Dannenberg (Linke) hellhörig: Zwar sei der Vorgang zunächst eine Angelegenheit der Stadtverwaltung Wittenberg, doch sowohl im baurechtlichen Genehmigungsverfahren als auch bei der Frage, welche Folgen ein weiteres Parkhaus für die Lenkung von Individualverkehren über das Stadtgebiet hinaus habe, komme die Kreisverwaltung hinzu. Privat hält der Landrat die SKW-Aktion für sachlich unbegründet: „Wenn ich am Arsenal-Parkhaus vorbeifahre, sehe ich immer, dass freie Parkplätze angezeigt werden.“ Dienstlich möchte Dannenberg mit Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) über die Parkkonzeption sprechen: „Wir treffen uns einmal im Monat zum Gedankenaustausch, dabei können wir uns auch über dieses Thema unterhalten.“ 

Reinhild Hugenroth (Grüne): Wirtschaftsfaktor Radtourismus

Richtig sauer über die Forderung nach einem weiteren Parkhaus ist Dr. Reinhild Hugenroth, Kreisvorsitzende der Grünen: „Das sind Gedanken aus dem vorigen Jahrhundert, in zahlreichen Städten Deutschlands und der Welt sind genau gegenteilige Überlegungen im Gange, nämlich wie sich der Individualverkehr aus der Innenstadt heraushalten lässt. Zahlreiche Städte in ganz Europa haben dazu umweltfreundliche Projekte, die allen Menschen zugute kommen, realisiert!“ 

Hugenroth erwähnt als Beispiel die niederländische Stadt Houten, die in der Nähe von Utrecht liegt und die inzwischen weltweit als Modellstadt für eine autofreie Innenstadt gelte. Dort habe es zunächst Kritik aus Kreisen des innenstädtischen Handels gegeben, doch diese Bedenken seien rasch verflogen, denn Houten habe sich in kurzer Zeit prächtig entwickelt: Aus einem Örtchen mit knapp 8.000 Einwohnern sei eine prächtige Stadt geworden, die so viele, meist junge Familien angezogen habe, dass die Bevölkerung inzwischen auf fast 50.000 Einwohner angestiegen sei – mit der entsprechenden Kaufkraft.

„Wesentliches Fortbewegungsmittel ist auch dort das Fahrrad“, betont Hugenroth, die sich eine ähnlich Entwicklung auch für Wittenberg wünscht: „Auch die mit dem Auto anreisenden Touristen werden zu Fußgängern, wenn sie sich die Sehenswürdigkeiten in der Wittenberger Altstadt anschauen oder einkaufen gehen. Dabei kann Autoverkehr nur stören.“ Auch aus Sicht des Tourismus müsse das Rad stärker beachtet werden, schließlich liege Wittenberg am viel befahrenen und überaus beliebten Elberadweg.

Eine Aussage, die auch von Geschäftsführerin Elke Witt bestätigt wird: „Der Radtourismus ist für Wittenberg ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor, zahlreiche Radtouristen, die meist aus der gut verdienenden Generation 50 plus stammen, übernachten hier und geben gutes Geld in Handel und Gastronomie aus.“ 

Vision "Stadt von morgen" aus dem Umweltbundesamt Dessau

Doch man muss nicht in die Ferne der internationalen Modellstädte für autofreie oder von Autos reduzierten Stadtkernen schweifen, auch das Umweltbundesamt im benachbarten Dessau hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie Städte menschenfreundlicher werden können, wenn sie den durch Individualverkehr verursachten Lärm und schädliche Abgase reduzieren. Dazu ist ein Papier erarbeitet worden mit dem Titel „Die Stadt von morgen.“ Jeder Interessent und sogar die Geschäftsführung sowie Öffentlichkeitsarbeiter von SKW können sich die Broschüre von der Internetseite des Umweltbundesamtes herunterladen. 

SKW gibt auf konkrete Frage keine Antwort

Apropos SKW: Die Redaktion des Wittenberger Sonntag hat vorsorglich gleich bei drei verschiedenen Stellen des Werkes nachgefragt, welche „hässlichen Baulücken im Stadtbild“ konkret mit einem Parkhaus geschlossen werden könnten. Eine Antwort kam nicht.




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