23.06.2018

- Ein Klartext von Wolfgang Marchewka -

Wie manche Redakteure manipulieren können...

Es gibt seit Jahrzehnten ein Büchlein, das heißt „ABC des Journalismus.“ Darin wird nachvollziehbar beschrieben, wie ein seriöser Journalist arbeiten und schreiben sollte. Eine der wesentlichen Bestimmungen des Grundsatzes guter Zeitungsarbeit lautet, es muss getrennt werden zwischen dem objektiv zu haltenden Bericht einerseits und einer durchaus möglichen persönlichen Meinung des Journalisten andererseits. Möchte ein Journalist zu einem von ihm verfassten Bericht seine persönliche Meinung äußern, so hat dies als vom Bericht getrennter Kommentar zu erfolgen. Das Ganze läuft unter dem Begriff „Journalistische Darstellungsformen“, und wen Details interessieren, der findet dazu im Internet diverse Abhandlungen, man braucht nur mit den Keywords trennung bericht meinung zu googeln.

Jedoch in der Lutherstadt Wittenberg scheint die seit 1945 geltende Grundregel nicht oder nicht mehr bekannt zu sein, zumindest nicht in der Lokalredaktion der Mitteldeutschen Zeitung, in der Michael Hübner - im Impressum des Wittenberger Teils dieser Zeitung unter „Reporter Lokales“ genannt – in dieser Woche in einer Ausgabe (20. Juni) gleich zwei abschreckende Beispiele dafür lieferte, wie man Zeitung nicht zu machen hat, zumindest dann nicht, wenn man seinen Ruf als halbwegs seriöser Journalist nicht verlieren will. Kann man beim Lesen seines Berichtes über den gut gelungenen Coswiger Bürgerdialog zum Thema „Kommunalfinanzen im Blickpunkt“ , bei dem die Bürger Fragen stellen konnten und nun folgt ein wörtliches Zitat aus seinem Text: „Doch die Antworten... blieben aus“, ob der Lächerlichkeit dieser Formulierung fast noch schmunzeln, so wird einem Menschen beim Lesen seines großen Aufmachers in derselben Ausgabe über einen Vater, der „verzweifelt um Gerechtigkeit kämpft“ - so eine seiner Formulierungen in der Unterzeile zur Überschrift „Tödliche Sekunden“ – ob der Einseitigkeit des Berichtes und der darin enthaltenen Behauptung „Eine Behörde spekuliert wild drauf los“ – gemeint ist die Staatsanwaltschaft Dessau – ganz schlecht: Das so etwas in der als seriös geltenden Mediengruppe DuMont geduldet wird, galt noch vor Kurzem als undenkbar. 

Hübner hat sich in seinem Bericht, der angesichts mancher geschriebener Details und gleichzeitig weggelassener Details fast so wirkt, als sei der Text als Werbeaktion für die rechte bis rechtsradikale Szene in Stadt und Land gedacht, mit den langwierigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dessau und nun auch der Staatsanwaltschaft in Magdeburg zum Fall Marcus H. befasst, der bei einer Auseinandersetzung mit einem Flüchtling im September 2017 vor dem Arsenal in Wittenberg so merkwürdig stürzte, dass er heftig mit dem Kopf auf den Boden aufschlug und als Folge seiner Verletzung im Krankenhaus starb. 

Die Frage nach dem Warum ist angesichts der besonderen Gemengelage kompliziert zu klären: Beide Beteiligten gehörten Szenen an, die verschiedener nicht sein können: Der Tatverdächtige ist ein Flüchtling, wie er nicht überall gemocht wird, und der Verstorbene hatte sich selbst auf seiner ehemaligen Facebook-Seite mit dem Pseudonym „Hempi AchtAcht“ als Nazi geortet. 

Zur Erinnerung für alle, die mit „Acht Acht“ nichts anfangen können: Acht Acht oder 88: Diese Zahlen stehen jeweils für den achten Buchstaben im Alphabet – das „H“. Und zweimal „H“ dient in Nazikreisen als getarnte Abkürzung für „Heil Hitler.“ Außerdem hatte „Hempi“ in seinem ehemaligen Facebook-Profil freimütig Auskunft über seine politische Einstellung gegeben: „NPD“ – die Partei, deren Mitglieder man inzwischen auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts als „Nazis“ bezeichnen darf. 

Das hat auch Redakteur Michael Hübner wissen müssen, denn der Wittenberger Sonntag war nach dem Ereignis das einzige lokale Medium, das diese Tatsache veröffentlicht hat. Doch davon steht nichts in dem „menschlichen Schicksal“ – so der journalistische Branchenjargon zu übertriebenen Tränendrüsengeschichten – statt dessen behauptet Hübner, „eine Behörde spekuliert wild darauf los.“ Diese Formulierung ist gleich doppelt widersinnig, denn erstens kann eine Behörde nicht spekulieren, sondern höchstens ein Mitarbeiter einer Behörde, zweitens ist die Formulierung, die Hübner angreift, aus gutem Grund so gewählt, und drittens alltäglich. 

Hübner meint mit seinem Ausfall die Formulierung einer Staatsanwältin, es seien „vermutlich“ ausländerfeindliche Beschimpfungen gefallen und „aufgrund der bisherigen Ermittlungen dürfte derzeit von einer Notwehrhandlung mit tragischen Folgen auszugehen sein.“ Das „Vermutlich“ und das „Dürfte“ bezeichnet Hübner als „wilde Spekulation“, dabei müsste er wissen, dass sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft in noch laufenden Verfahren so formulieren müssen, denn in unserem Rechtsstaat ist es allein Sache der Gerichte, aufgrund der zusammengetragenen Ermittlungsergebnisse Tatsachen festzustellen und Urteile zu fällen. Bis diese Urteile endgültig sind, gilt auch für Tatverdächtige die Unschuldsvermutung. In der Mitteldeutschen Zeitung nicht? 

Statt die geltende Rechtslage zu beachten, greift Hübner die Ermittler an, und verbreitet die „Zweifel am Rechtsstaat“, geäußert vom Vater des Gestorbenen. Dabei schreibt Hübner selbst, dass die Ermittlung in wenigen Tagen abgeschlossen sein sollen. Vorher, bevor die Akten beim zuständigen Gericht gelandet sind, werden Zweifel an unserem Staat verbreitet: Die Rechtsradikalen in unserem Lande können sich ob dieser kostenlosen Werbeaktion der Mitteldeutschen Zeitung vergnügt die Hände reiben.




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