16.05.2018

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Der Weg von Joachim Löw: Hart, aber fair

Regensburg (ots) - Seit 56 Jahren konnte keine Fußball-Nationalmannschaft den Weltmeistertitel beim nächsten Turnier erfolgreich verteidigen. Die Brasilianer waren es, die 1962 als bislang letzte Mannschaft - und nach Italien überhaupt erst als zweite - zwei Titel direkt aneinanderreihen konnten. 56 Jahre! Eine unglaublich lange Zeit. Zur Weltmeisterschaftsendrunde in Russland in diesem Sommer reist nun Deutschland als Titelverteidiger an. Ob das Team von Bundestrainer Joachim Löw den Doppelpack schafft, weiß keiner. Eines ist aber sicher: Löw hat mit einer cleveren Auswahl seiner Spieler beste Voraussetzungen dafür geschaffen. 

1994 reiste Deutschland ebenfalls als Titelverteidiger zu einer Weltmeisterschaft. Der damalige Bundestrainer Berti Vogts hatte eine erlesene Star-Truppe um sich geschart. Die Weltmeister von 1990 waren im Kern noch alle dabei, und mit neuen Top-Leuten wie Stefan Effenberg oder Matthias Sammer sogar kräftig verstärkt worden. Dennoch wurde es kein gutes Turnier der deutschen Mannschaft. Ein paar Spieler waren nicht richtig in Form, ein paar andere stritten sich mit dem Trainer über die Aufstellung. Am Ende blieb das Team weit unter seinen Möglichkeiten und schied im Viertelfinale aus. 

Joachim Löw wird bei der Zusammenstellung seines Kaders für das kommende Turnier wohl wenig an die Probleme der deutschen Mannschaft von 1994 gedacht haben. Er geht ohnehin immer demonstrativ seinen eigenen Weg - und der ist ein erfolgreicher. Seit Löws Amtsantritt als Bundestrainer vor mehr als zehn Jahren war bei einer Welt- oder Europameisterschaft nie vor dem Halbfinale Schluss. Das ist eine überragende Bilanz. Bei der Mannschaft für Russland vertraut Löw einem guten Dutzend Spielern, mit denen er seit Jahren erfolgreich ist. Um die herum hat er aber gnadenlos durchgemischt. 

Löw hat harte Entscheidungen getroffen, für diese gibt es aber gute Gründe. So ist für Weltmeister, die zu lange ihrer Form hinterherliefen, im Konzept des Bundestrainers kein Platz mehr. Ausgerechnet Vorlagengeber André Schürrle und Torschütze Mario Götze, also die Spieler, die das WM-Finale 2014 entschieden, sind deswegen nicht dabei. 

Auf Fußball-Romantik nimmt Löw zu Recht keine Rücksicht. Er lebt im Hier und Jetzt. Er braucht Spieler, die jetzt in guter Form sind - und es nicht nur einmal waren. Es ist der richtige Weg, allen zu verdeutlichen, dass eine WM-Nominierung kein Selbstläufer ist. Allerdings hat Löw auch das Feingefühl, verdiente Helden nicht kommentarlos auszusortieren. Die Nicht-Nominierung Götzes hat er ausführlich begründet - mehr kann er nicht tun. 

Zwei Fragezeichen hat Löw ohnehin noch in seinem vorläufigen Kader: die noch nicht fitten Manuel Neuer und Jerome Boateng. Doch egal, ob sie am Ende mitfahren oder nicht, wird Löw in Russland eine absolute Top-Mannschaft aufs Feld schicken, zumal es nach dem Titelgewinn vor vier Jahren keinen wirklichen Umbruch gab. Klar, mit Philipp Lahm und Miroslav Klose haben zwei absolute Leitwölfe aufgehört, es war aber genug Zeit, damit sich neue Führungsspieler finden. 

In vorderster Front wird es in Russland auf Toni Kroos ankommen. Er wurde bei Real Madrid zum Superstar und soll - vor allem, wenn es Manuel Neuer nicht zum Turnier schafft - der absolute Chef der deutschen Mannschaft sein. Und er muss zeigen, dass er diese Rolle auch unter dem Druck eines großen Turniers ausfüllen kann. Gemeinsam mit Mats Hummels und Thomas Müller wird Kroos das Gerüst bilden, um das herum Löw seine - sicherlich auch immer wieder wechselnden - Formationen bauen wird. Insbesondere im Mittelfeld und im Angriff hat er dabei eine große Auswahl an echten Top-Spielern. 

Und das ist die große Botschaft des Kaders von Joachim Löw - auch an die Gegner bei der Endrunde. Er kann Spieler wie Götze und Schürrle und zudem viele andere Weltmeister wie Christoph Kramer, Benedikt Höwedes oder Shkodran Mustafi zuhause lassen und hat dennoch immer noch eine Top-Mannschaft.





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