Der Wittenberger Amtsarzt Dr. Michael Hable warnt vor den Folgen ungesunder Ernährung und fordert die Politik zum Handeln auf. Foto: Wolfgang Gorsboth

Der Wittenberger Amtsarzt Dr. Michael Hable warnt vor den Folgen ungesunder Ernährung und fordert die Politik zum Handeln auf. Foto: Wolfgang Gorsboth

13.05.2018

Ursachen: Ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel

Amtsarzt Dr. Hable: Eine Diabetes-Epidemie droht

Wittenberg (wg). Zu viel Zucker, Salz und Fett: „Die Folgekosten ungesunder Ernährung werden unser Gesundheitssystem schon bald überfordern“, kritisiert Amtsarzt Dr. Michael Hable, Leiter des Wittenberger Gesundheitsamtes, im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Ausdrücklich lobt er den offenen Brief von Ärzten, Ärzte-Verbänden, Krankenkassen und Verbraucherorganisationen an Kanzlerin Angela Merkel (CDU), in dem ein besserer Schutz vor ungesunden Lebensmitteln und mehr Prävention von Fettleibigkeit, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten gefordert wird. 

50 Prozent der Frauen und zwei Drittel aller Männer in Deutschland sind übergewichtig oder adipös, also krankhaft übergewichtig. Die Grundlagen werden meist schon in der Kindheit gelegt: „12 Prozent der Fünfjährigen im Landkreis sind bereits übergewichtig bzw. adipös, bei den Schülern der sechsten Klassen sind es sogar 22 Prozent“, erklärt Hable. Besonders betroffen seien Kinder in sozialschwachen und bildungsfernen Familien. 

„Wenn sich Adipositas erst einmal bei einem jungen Patienten manifestiert hat, ist es sehr schwer, wieder das normale Gewicht zu erreichen“, so Hable, „denn es ist das Resultat eines Lebensstilproblems in der Familie, geprägt von zu wenig Bewegung, zu viel Fernsehkonsum, ungesunder Ernährung und zu wenig sinnvollen Freizeitaktivitäten.“ 

In Großbritannien habe man reagiert, die von der Public Health England vorgeschlagenen Empfehlungen wurden zumindest teilweise von der konservativen Regierung umgesetzt: Eine Zuckersteuer wurde eingeführt und die Lebensmittelwerbung, die sich speziell an Kinder richtet, eingeschränkt. 

Ebenfalls auf der Insel wurde bereits 2007 von der Lebensmittelbehörde FSA die Nährwertampel auf wissenschaftlicher Grundlage konzipiert, die es jedoch bis heute nicht in die deutschen Supermärkte und Discounter geschafft hat.

„Verbrauchern ist es beim Einkauf nicht möglich, auf den ersten Blick zu entscheiden, ob das Produkt bezüglich Zucker-, Salz- und Fettgehalt gesund ist oder nicht, denn die Angaben finden sich stets auf der Rückseite der Verpackung im Kleingedruckten“, kritisiert Hable. Auf der Vorderseite hingegen werde das Produkt in seinen Vorzügen beworben, wobei insbesondere bei den Portionsgrößen manipuliert werde, so dass selbst die maßlos überzuckter Limonade oder die versalzene und vor Fett strotzende Fertigpizza als gesunde Mahlzeit erscheint.

„Nicht lesbare oder gar irreführende Angaben tragen ihren Teil zur Fehlernährung bei“, betont der Amtsarzt. Nur Großbritannien und Frankreich hätten die Nährwertampel als freiwillige Selbstverpflichtung eingeführt, in allen anderen EU-Ländern sei dies an der Lobby der Lebensmittelindustrie gescheitert. 

Die Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben auf der Vorderseite verpackter Lebensmittel ist für Verbraucher transparent und leicht verständlich. 

In dem offenen Brief an Kanzlerin Merkel, dem sich Tausende Ärzte mit ihren Unterschriften angeschlossen haben, wird vor einer Diabetes-Epidemie gewarnt und staatliche Eingriffe in die Ernährungsindustrie gefordert. Gesundheit sei ein Mix aus Eigenverantwortung, Aufklärung - und gesellschaftlichen Regeln, deshalb müssten eine wirksame Zuckersteuer und eine Nährwertampel eingeführt, irreführende Werbung verboten und mehr auf Prävention gesetzt werden. 

Für die Schul- und Kitaverpflegung werden verbindliche Standards gefordert. Einnahmen aus Sonderabgaben wie der Zuckersteuer müssten eins zu eins in die Prävention chronischer Krankheiten fließen.

„In Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hat Deutschland bis heute keine nationale Diabetes-Strategie“, erklärt Hable. Circa sieben Millionen Menschen in Deutschland leiden an Diabetes, pro Jahr kommen 500.000 Neuerkrankungen dazu. Knapp 100 Milliarden Euro kosten Diabetes und Adipositas jedes Jahr, davon entfallen 63 Milliarden Euro auf vorzeitige Arbeitsunfähigkeit. 

20 von 28 EU-Staaten haben einen nationalen Diabetes-Plan erarbeitet, in Deutschland wurde die Früherkennung von Diabetes Typ 2 lediglich als Gesundheitsziel im Präventionsgesetz formuliert, weiterreichende Forderungen von Gesundheitspolitikern scheitern immer wieder am Landwirtschafts- und Ernährungsministerium.





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