Dietmar Sette, ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer, hat sich mit der Geschichte von Crystal Meth befasst. Foto: Archiv

Dietmar Sette, ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer, hat sich mit der Geschichte von Crystal Meth befasst. Foto: Archiv

23.03.2018

Dietmar Sette hat sich mit der Geschichte der Droge „Pervitin“ befasst

Crystal Meth: Party- und Horror-Droge

Bad Schmiedeberg (wg). Crystal Meth ist eine gefährliche und hochpotente chemische Substanz und wie alle Drogen ein Gift, das zunächst stimuliert und dann den Körper systematisch zerstört. „Bei Elternveranstaltungen zum Thema ‚Drogen’ werde ich immer wieder zu Crystal Meth gefragt, insbesondere zur Geschichte dieser Droge“, berichtet Dietmar Sette im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Der pensionierte Polizeibeamte aus Bad Schmiedeberg engagiert sich auch im Ruhestand als ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer. 

Crystal Meth ist extrem suchterzeugend. Es braucht die Ressourcen des Körpers auf und erzeugt so eine vernichtende Abhängigkeit, die nur durch den weiteren Konsum der Droge etwas gelindert werden kann. Nicht wenige User berichten, dass sie gleich beim allerersten Konsum der Droge abhängig wurden. Es ist deshalb nicht überraschend, dass es sich hier um eine der schlimmsten Abhängigkeiten überhaupt handelt und man ihr kaum entkommen kann. Viele Meth-User sterben an den Folgen des Konsums. 

Das Thema „Drogen“, so Sette, sei in Deutschland von anderen Themen verdrängt worden: „Man hat derzeitig das Gefühl, dass unser Land das Drogenproblem voll im Griff hat, dem ist leider nicht so.“ Unvermindert würden Drogen angeboten und oftmals im heimischen Umfeld konsumiert. „Als ich bereits vor Jahren öffentlich sagte, dass es keine drogenfreie Landschaft gibt, brachte mir das nicht gerade neue Freunde ein“, erklärt Sette, „Wahrheiten sind bekanntlich schmerzlich.“ 

Crystal Meth war Partydroge, mittlerweile erreicht sie aber eine noch größere Zielgruppe als Cannabis oder Heroin – sie ist zur Alltagsdroge aufgestiegen. „Nicht die Droge ist das Problem, sondern der, der sie konsumiert“, erklärt Sette. „Es geht darum, einen Blick zurück in die Geschichte der Drogen zu wagen, viele wie Heroin, Kokain, Methadon und Pervitin sind durchweg deutsche Erfindungen.“ Die letztgenannte Droge wird heute unter „Crystal Meth“, ein künstlich hergestelltes Amphetamin, angeboten. 

„Alle reden zwar über diese Droge, aber dass es sich hierbei um eine Droge aus der Nazi-Zeit handelt, ist nur den wenigsten bekannt“,sagt Sette. Die neuerfundene „Energie-Pille“ wurde zum ersten Mal im Mai 1938 von den Temmler-Werken in Berlin-Johannisthal produziert. Ab 1939 begann dann der unaufhaltsame Siegeszug, pro Tag wurden im Durchschnitt 833.000 Tabletten gepresst. Im ganzen Reichsgebiet erfolgte der legale bzw. rezeptfreie Verkauf in Apotheken. Auch mit „Pervitin“ versetzte Pralinen, sogenannte „Hausfrauenschokolade“, waren erhältlich. 

 Bereits im April 1939 nahm die Militärärztliche Akademie ihre Experimente mit „Pervitin“ auf und führte aufgrund des „positiven“ Versuchsverlaufes am 21. August 1939 die Droge als „planmäßiges Arzneimittel“ in der Wehrmacht ein. Der Großeinsatz in der Wehrmacht begann mit dem Einmarsch auf Polen: „Pervitin“ wurde bei allen Truppenteilen, sei es Heer, Marine oder Luftwaffe konsumiert. 

„Soldaten der Wehrmacht sollen zwischen 1939 und 1945 mehr als 200 Millionen dieser Pillen geschluckt haben“, berichtet Sette anhand seiner Recherchen. Unter anderem wurde den Panzersoldaten oder Flugzeugpiloten die Droge in die Schokolade gemischt. „Unter den Spitznamen Panzerschokolade und Göring-Pillen half die Droge gerade jungen Soldaten bei der Überwindung des Hunger- und Angstgefühls zur Steigerung der Leistungsfähigkeit“, erläutert Sette. „Sie wurden zu willenlosen Kampfmaschinen.“ 

Wegen der starken Nebenwirkungen landete das Mittel 1945 auf der „Opiumliste“ und war nur noch auf Rezept erhältlich. Das führte wiederum dazu, dass auf dem deutschen Schwarzmarkt ab 1945 Rezeptfälschungen zunahmen und die Drogendealer einen enormen und bis heute nicht zu beziffernden Gewinn machten. 

Da die Temmler-Werke Berlin in der sowjetischen Besatzungszone demontiert wurden, erfolgte vier Jahre später die Verlegung der Firma nach Hamburg, wo das Präparat „Pervitin“ weiter produziert wurde und bis 1988 als Arzneimittel im Handel verfügbar war. 

„Interessant wäre auch die Aufarbeitung der Nutzung der Droge in der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee“, so Sette. Beide Armeen sollen „Pervitin“ für den Ernstfall, also den Kampfeinsatz, bis in den siebziger Jahren eingelagert haben. 

„Pervitin“ war Bestandteil der Verpflegung für Fallschirmjäger und wurde bei militärischen Übungen ausgegeben. Anfangs belieferten die „Temmler-Werke“ (Ost) die NVA, dann produzierte die NVA bis 1975 in einer Fabrik in Königsbrück selbst „Pervitin“. Erst 1988 verbannte die NVA die Muntermachtabletten, „Pervitin“ wurde durch „Apo-Neuron“ abgelöst, ebenfalls ein leistungssteigerndes Mittel, welches auch den Hunger unterdrückte. Die Bundeswehr, die durch die „Temmler-Werke“ (West) beliefert wurde, strich erst Ende der 1970er Jahre die Pille aus dem Sanitätsbestand.

„Bei mir kam bei der Behandlung des Themas „Pervitin“ nach 1945 bis 1989 in deutsche Armeen die Frage auf, warum und wer war der Konsument?“, erklärt Sette. Dazu setzte er sich mit verantwortlichen Bundeswehr-Medizinern in Verbindung. Ergebnis: „Wir unterliegen der Schweigepflicht.“ 

Sette: „Was ist los in der heutigen Bundeswehr? Kann man mir nicht einfach sagen: ‚Pervitin nicht bekannt’ oder ‚an den Soldaten werden keine Rauschmittel ausgegeben’?“ Dann stieß er auf folgende interessante Mitteilung: „In der Bundesrepublik Deutschland hatte 2007 der aus unabhängigen Wissenschaftlern bestehende Wehrmedizinische Beirat des Bundesministers der Verteidigung erstmals angeregt und einstimmig empfohlen, über die Verwendung von leistungsoptimierenden Substanzen in der Bundeswehr nachzudenken. Dabei sollte die Verabreichung der Präparate strengen Kontrollen unterliegen. Zweck der Einnahme von solchen Medikamenten: Verminderung eines Abfalls der psycho-physischen Leistungsfähigkeiten.“ „Die Frage, ob Rauschmittel innerhalb der Bundeswehr Verwendung finden, wird wahrscheinlich erst dann beantwortet, wenn die ersten deutschen Soldaten aus den Krisengebieten mit der ärztlichen Diagnose ‚süchtig’ wieder nach Hause entlassen werden“, kritisiert Sette die mangelnde Auskunftsbereitschaft.





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